Eine junge Frau, die Altsaxophon spielt und sich noch als "Coltrane-geschädigt" bezeichnet (und zwar nicht durch "Coltrane plays Ballads")- das allein wäre schon alle Aufmerksamkeit wert. Mit sublim hat Angelika Niescier darüberhinaus aber noch eine vorzügliche Debüt-CD vorgelegt, die unter anderem von Daniel Humair und Charlie Mariano über den grünen Klee gelobt wird.
Wer ist also Angelika Niescier?
Angelika Niescier hat auf der Folkwanghochschule in Essen studiert. Mit dem Quartett, das sublim eingespielt hat spielt sie seit zwei Jahren zusammen. "Schlagzeuger Christoph Hillmann habe ich in Holland kennengelernt", berichtet sie, "wo er als heißer Tipp galt. Ich habe viel mit Andy Lumpp gespielt und danach habe ich den Pianisten Hans Lüdemann gefragt, ob er bei mir einsteigen möchte. Das Quartett ist sorgsam ausgewählt und lange gereift." Nun, Christoph Hillmann galt und gilt zu Recht als heißer Tipp. Im Verbund mit dem Bassisten Sebastian Räther treibt er Angelika Niesciers Quartett unermündlich zu neuen Ufern. Live werden die Stücke der Studioplatte da schon mal auf gut und gern zwanzig Minuten ausgedehnt. "Ich bin Coltrane- geschädigt, das gebe ich zu". lacht Angelika Niescier. "Wir spielen auch einfach gerne lange. Für die CD musste ich viele Soli rauskürzen, um die Stücke etwas stringenter hinzukriegen.
Aber live stehe ich darauf, lange zu spielen.Wenn jemand etwas zu sagen hat, soll er lange spielen- da stehe ich auch zu." Etwas zu sagen hat Angelika Niescier allemal. Zum ersetn Mal lief sie mir durch die Duoplatte Holzlinienspiel über den Weg, die sie zusammen mit dem Bassisten André Nendza eingespielt hatte. Seitdem bin ich auf der Suche nach diesem eindringlichen Ton- auf Holzlinienspiel besonders furios in der "Marathonnummer". Ein Stück von dieser Platte. Der Nebesatz" hat es auch auf Angelika Niescier Debüt-CD geschafft. "Der nebensatz ist eigentlich eine Quartettkomposition". begrpündet sie die Neueinspielung." die sich aber auch im Duo spieln läßt. André hat sie sehr gemocht, und deshalb haben wir sie halt gespielt."
Für ihre erste eigene CD hat Angelika Niescier sich ausschließlich auf ihre eigene Kompositionen verlassen. "Beim Komponieren lege ich auf eine bestimmte Vorgehensweise keinen Wert", meint sie lapidar, "es kommt, wie es kommt. Immer, wenn ich was brauche, kommt zum Glück was. Manchmal ist es nach zwei Tagen fertig, manchmal dauert´s länger." Ihrer polnischen Heimat ist das Stück "Jesienny poranek na wsi" gewidmet (das heißt "Der herbstliche Morgen auf dem Dorfe")- stark verklärte und sentimental gefärbte Kindheitserinnerungen, wie Angelika Niescier zugibt. Die meisten Stücke auf sublim sind von Auslandsaufenthalten inspiriert und lassen musikalische Elemente aus diiesen Kulturen unaufdringlich miteinfließen. " `Blaue Stunde´ ist inspiriert von einem Tunesien-Aufenthalt", erzählt Angelika Niescier. "Zu diesem Zeitpunkt treffen sich die Tunesier, weil es da nicht mehr so heiß ist. außerdem ist das Licht sehr schön zu dieser Zeit, es leuchtet fast wie von Innen, obwohl die Sonne gar nicht mehr da ist. Dadurch hat die blaue Stunde einen sehr surrealen Charakter, den ich mit dem Stück einfangen wollte."
Eindrücke von ihren Reisen in den Himalaya bringt "Arahat" zu Gehör. "In Tibet bin ich viel gewandert", berichtet die Saxophonistin. "Die Tibeter haben fast gar keine Musik, außer bei den Mönchen. Als ich >Arahat< schrieb, wurde mir erst hinterher klar, dass das wohl noch auf meine Zeit in Tibet zurückzuführen ist - die Mächtigkeit der Natur, das Licht, das alles drückt sich in einer gewissen Elegie aus, das das Stück ausstrahlen soll." Ganz und gar nicht elegisch klingt "Pranayama", ein Stück, das mit seinem koboldhaften Rhthmus Bezug nimmt auf den menschlichen Atem- und die einzige Live- Aufnahme auf sublim ist. "als wir in Bonn gespielt haben, war Daniel Humair total begeistert von >Pranayama<. Er wollte die Noten von mir haben, um es aufzunehmen.. Das hat er allerdings bis jetzt noch nicht gemacht. Mit meiner Liveversion aus dem Kölner Loft auf sublim bin ich ihm nun zuvorgekommen", grinst Angelika Niescier. Der bedankte sich immerhin durch überschwänglich Liner Notes. "... einen (neuen) Weg in dei Zukunft, genau das glaube ich beim Hören der wunderbaren Musik von Angelika Niescier herauszuspüren". schreibt Humair. Und auch charlie Mariano, der elder statesman des jazz- Saxophons, hört bei iht "the future of music" heraus.
Was mich zu der Frage führt, wie sie den Weg zum Altsaxophon gefunden hat. "Meine Eltern haben mich gefragt, welches Instrument ich lernen will, da war ich sechzehn", erzählt Angelika Niescier. "In der Musikschule standen dann ein Alt und ein Tenor. Der Typ, der mit mir reinkam, hat das Tenor genommen, und ich habe mich dann halt auf das Alt gestürzt und seitdem auch nicht mehr gewechselt. Vorher habe ich nur Blockflöte gespielt". Bleibt noch dieFrauenfrage. Weibliche role models am Saxophon sind selten- und mit Barbara Thompson, die einem sofort einfällt, kann Angelika Niescier nichts anfangen. "Ich höre sehr gern Geri Allen und Cindy Blackmann, wenn man mich schon nach weiblichen Vorbildern fragt", sagt sie. "Cindy Blackman hat diesen Elvin-Jones-Drive, das gefällt mir sehr. Aber ich höre auch gerne Klassik und Neue Musik. Bei den Kollegen fühle ich mich als Frau weder bevorzugt noch benachteiligt. Bei den Veranstaltern ist es schon anders: wenn da irgendein Frauenfestival oder so etwas geplant ist, bin ich natürlich im Vorteil. Bei den Zuhörern ist es möglicherweise ein kleiner Vorteil, weil es vielleicht neugierig macht".
Bei wem die Neugier gesiegt, der kann sich das Angelika Niescier Quartett auch live angucken - bis Ende Mai sind die vier noch auf Tour.
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