Martin Laurentius, Jazzthing Juni- August 2002

Feinsinnig

Die Redaktion des Dudens findet für "sublim" Beschreibungen wie "erhaben; fein, nur einem feinerem Verständis oder Empfinden zugänglich". Angelika Niescier hat noch eine persönlich Ergänzung, um den Titel ihres gerade erschienenen Debüt-Albums "sublim" zu erläutern: "Ich bin ein großer Fan der monochromen Bilder des Malers Barnett Newman. In den 60ern forderte Newman, dass die Kunst wider sublim werden müsse, weil sie ihm zu darstellend, zu konkret und zu abbildend geworden war. Er wollte zurück zum Feinen und Feinsinnigen in der Malerei", so die 1970 im polnischen Stettin geborene, 1981 nach Deutschland übersiedelte und mittlererweile in Köln lebende Saxophonistin und Komponistin beim Telefoninterview. Und lachend fügt sie hinzu: "Außerdem stehe ich auf den Klang dieses Wortes. Es ist ein echtes phonetisches Schmankerl."
Die zehn Originals von "sublim" sind auch musikalische Leckerbissen: mit dem Pianisten Hans Lüdemann, dem Bassisten Sebastian Räther und dem Drummer Christoph Hillmann präsentiert Niescier einen Genre- übergreifenden und im positiven Sinne europäisch geprägten Modern Jazz, der durch melodischen Einfallsreichtum, kraftvolle Improvistionskunst und rhythmisch raffinierte Arrangements glänzt. Dabei haben die vier kurzen, schlicht mit "Zip I-IV" betitelten Solo- und Duo- Episoden nicht nur formbildende Funktion für die CD: "Bei den Quartett- Stücken gab es keine intimen Klangsitutionen. Ich wollte diese Situationen aber mit den rein improvisierten Solo- und Duo-Nummern unbedingt auf der Platte haben." Und bis auf "Jesienny porank na wsi" gibt es keine Bezüge zur polnischen Musik und zum polnischen Jazz, denn"ich war ja mit elf Jahren weg aus Polen. Und dieses Stück ist mit seinen osteuropäischen Folksong-Anklängen eher meiner Kindheit gewidmet als dem Land selbst."
Obwohl "sublim" vom deutschen Kleinstlabel shaa-music in die Läden gestellt wird und darauf keine leicht verdauliche Kost zu hören ist, ist "die CD bislang unheimlich gut angekommen, und ich hoffe, dass dies so bleibt", freut sich Niescier und beschließt das Gespräch gleichsam mit einem augenzwinkernden Blick in die Zukunft: "Und wenn ich die Schulden dafür abbezahlt habe, dann gibt es sicherlich auch eine neue Platte von mir und meinem Quartett."